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PUNKT, PUNKT, KOMMA. KLAR?

Es gibt Dinge, die braucht man einfach nicht. Entgegen mancher Vermutung gehören Kommata – oder wie man mittlerweile auch sagen darf: Kommas – definitiv nicht dazu. Weil das Semikolon längst schon unter Artenschutz stehen sollte und selbst der Punkt es in der heutigen Zeit nicht leicht hat, wollen wir mit diesem Blogbeitrag ein Zeichen setzen: für die Zeichensetzung.

Interpunktion macht die Musik

Schon seit Jahrhunderten nutzt die Menschheit die Sonderzeichen ihrer Sprache, um ihren Sätzen mehr Struktur, Verständlichkeit und Sinn zu verleihen. Sieben kleine Zeichen bilden die Basis für die Interpunktion der deutschen Sprache. Von unserem ersten Tag in der Grundschule an lernen wir, Punkt, Komma, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Semikolon, Doppelpunkt und Gedankenstrich in unsere Schreiblernhefte zu malen und stellen uns dabei mal mehr, mal weniger geschickt an. Allerdings braucht es meist noch eine ganze Weile, bis wir verstehen, dass Punkt, Punkt, Komma und Strich für weit mehr gut sind als nur für das Mondgesicht.

Satzzeichen visualisieren den Rhythmus unserer Sprache – und unserer Gedanken. Wo wir im Gesprochenen durch Pausen oder die Betonung unserer Worte Ordnung schaffen können, sind es Komma und Konsorten, die diese Funktion – zumindest weitestgehend – in unserer Schriftsprache übernehmen. Sie vermitteln dem Leser die Klarheit oder eben auch das Chaos, das unsere Gedanken in dem Moment beherrscht hat, als wir sie in Buchstaben gefasst haben.

Mein persönlicher Favorit ist der Gedankenstrich. Er schafft ein kurzes, aber deutliches Einhalten im Lesefluss, das visualisiert, was dem Verfasser beim Schreiben durch die Gedanken ging: etwas Unerwartetes, ein plötzlicher Geistesblitz, eine zusätzliche Information, ein Einschub oder eine Erklärung. Er macht es möglich, schon von einer neuen Idee zu schreiben, bevor man die ursprüngliche überhaupt zu Ende gedacht hat. Oder wie der österreichische Schriftsteller Karl Kraus es beschrieb „Ein Gedankenstrich ist zumeist ein Strich durch den Gedanken.“

Dieser kleine Strich ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Satzzeichen unsere Sprache gliedern und die einzelnen Takte bilden, in die unsere Worte eingefasst werden. Wie ich allerdings schon vorher einmal erwähnt habe, ist die Melodie des Deutschen nicht unbedingt eingängig und seine Rhythmik sehr komplex. Die Musik unserer Sprache hat unglaublich viel Schönes, aber kurz gesagt: Sie ist einfach nicht tanzbar.

Rhythmusbremsen und Tonverstärker

Die absolute Beat-Bremse des Deutschen und somit das Elementarteilchen seiner Interpunktion – sowie auch der meisten anderen 60 Sprachen, die auf dem lateinischen Schriftsystem basieren – ist der Punkt. Er kennzeichnet auf die simpelste, aber auch effektivste Art und Weise das Ende einer Äußerung. Er ist die Zeichen gewordene eindeutige Pause, denn: Steht. Hinter. Jedem. Wort. Ein. Punkt. – dann legt unser Hirn automatisch einen Hebel um, der nicht nur unseren Lesefluss, sondern auch unsere Gedanken immer wieder für einen Moment zum Anhalten bringt.

Das Ausrufezeichen kann Sätze ebenso deutlich beenden. Allerdings liegt seine Hauptfunktion darin, dem Ausdruck mehr Nachdruck zu verleihen, die Wichtigkeit einer bestimmten Sache hervorzuheben. Ausrufezeichen machen Krach! Selbst wenn wir im stillen Kämmerlein sitzen und in aller Ruhe lesen, schafft es das Pünktchen mit dem Strich darüber jedes Mal, die Lautstärke – wenn auch nur für einen kleinen Augenblick – mächtig aufzudrehen. Und wenn dann noch ein Fragezeichen hinzukommt, geht es vollkommen mit uns durch: Ist das denn zu fassen?! Diese Zeichenkombination ist Ausdruck starker Verwunderung, von Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit. Im Gegensatz zum einfachen Fragezeichen, das nur der schlichte Hinweis darauf ist, dass der damit beendete Satz durchaus einer Antwort bedarf – oder im Falle einer rhetorischen Frage diese gleich selbst liefert –, macht der Zusatz des Ausrufezeichens schnell die aufgeregte, durchaus auch aggressive Weise des Fragens deutlich.

Besonders seit ein großer Teil unserer Kommunikation über computerbasierte Medien läuft und der Austausch von Nachrichten mit rasanter Geschwindigkeit stattfindet, spart sich so mancher seine Worte gleich vollständig und zeigt mit „?!“, oder in besonders harten Fällen auch „??????!!!!!!!“, dass er gerade offenbar am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht, weil es im Gruppenchat mal wieder nicht schnell genug geht.

Highspeed ohne Punkt und Komma

Wir sind ungeduldig geworden – und das sowohl beim Lesen als auch beim Verfassen unserer Nachrichten. So hat sich mit den Medien, die wir dafür nutzen, auch die Art, wie wir schreiben, gewandelt. Besonders das Smartphone hat viele Veränderungen mit sich gebracht: AutoKorrektur und Co. vereinfachen und beschleunigen den digitalisierten Schreibprozess enorm. Allerdings sorgen sie auch dafür, dass wir ihm weit weniger Beachtung schenken. So geht ein Großteil der bewussten Auseinandersetzung mit dem, was wir schreiben, unseren Worten, der Sprache und ihren Regeln verloren – besonders im Hinblick auf die Zeichensetzung. Mag Software die Korrektur einzelner Wörter bereits recht erfolgreich übernehmen, ist sie bei der Interpunktion keine große Hilfe.

Ein Satzzeichen scheint dabei fast vollkommen auf der Strecke zu bleiben: das Komma. Und das bricht mir, ehrlich gesagt, ein bisschen das Herz. Denn es ist eines der vielseitigsten und wertvollsten Zeichen, wenn es um die visuelle und logische Strukturierung unserer Gedanken innerhalb von Sätzen – und somit unserer gesamten Sprache – geht. Es lässt uns zahlreiche Dinge in gleichwertiger Weise aneinanderreihen, ganz kurze oder unendlich lange Aufzählungen schaffen – von nur einzelnen Wörtern oder ausführlichen Aussagen. Zudem grenzt es bestimmte Teile eines Satzes voneinander ab, macht deutlich, wie und warum sie sich unterscheiden – sowohl für den Autor als auch den Leser. Dieses und ähnliche Beispiele wurden dafür vermutlich schon viel zu oft bemüht, aber ein Komma kann tatsächlich Leben retten: Denn es liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied zwischen den Aufforderungen „Esst, meine Kinder!“ und „Esst meine Kinder!“ Ohne Komma könnten hier im schlimmsten Falle unschuldige Seelen dem Kannibalismus zum Opfer fallen. Das Komma separiert, aber ohne endgültig zu zerschneiden. So werden beispielsweise auch Nebensätze durch Kommata vom eigentlichen Kern des Satzes abgetrennt und ermöglichen es uns so, mit unserem Satzbau zu spielen und viele unterschiedliche Gedanken strukturiert in nur einem einzigen Satz unterzubringen.

So viele Möglichkeiten wie es uns bietet, so viele Fehlerquellen birgt das Komma aber auch. Über 30 Regeln im Duden legen fest, wie man es nutzen kann und sollte. Zum Vergleich: Beim Punkt sind es nur drei. Und genau diese Regeln sind es, die bei vielen Menschen auch weit über die Schulzeit hinaus Angst und Schrecken zu verbreiten scheinen. Dabei sind viele der Richtlinien gar nicht so kompliziert und teilweise sogar leicht zu merken, wenn man sich nur einmal – in Ruhe und außerhalb des Klassenzimmers – mit ihnen beschäftigt. Vieles ist durch Rechtschreibreformen vereinfacht worden und so manches Komma kann, muss aber gar nicht unbedingt gesetzt werden. Das gilt auch für das Semikolon, oder auch: das Komma für Fortgeschrittene. Wo der Punkt zu kräftig und ein Komma zu schwach wäre, um Gleichwertiges zu trennen, kommt dieses Satzzeichen zum Einsatz; oder es wird in Aufzählungen genutzt, um innerhalb dieser noch stärker zu sortieren. In Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten fristet das Semikolon noch eine geschützte Randexistenz. Aber aus unseren E-Mails und Textnachrichten, besonders in der privaten Kommunikation, ist es fast spurlos verschwunden. Hier dominieren eindeutig Ausrufe- und Fragezeichen – und nicht selten tauchen diese gleich in Massen und umzingelt von etlichen Emojis auf.

Emotion durch Präzision

Sicherlich zeichnet sich in der Power-Nutzung von Brüllzeichen und Smileys eine gewisse Resignation gegenüber Rechtschreib- und Grammatikregeln ab, ein bestimmter Grad an Unwissenheit, vielleicht aber auch Ignoranz, Bequemlichkeit oder Achtlosigkeit des Schreibers. Und ich könnte mich an dieser Stelle maßlos darüber auslassen, wie furchtbar wütend und zugleich ohnmächtig mich der leichtfertige und gedankenlose Umgang vieler Leute mit unserer Sprache macht. Aber tatsächlich ist – zumindest teilweise – durchaus nachvollziehbar, wie sich unser Schreiben über WhatsApp und Co. entwickelt hat: Wir arbeiten hier mit einem rein digitalen Medium, das wir oft nebenbei, mit hohem Tempo und mit nur zwei Fingern bedienen.

Meist kommunizieren wir hier mit Freunden und Bekannten, die uns kennen und mit denen wir uns face-to-face recht offen, emotionsgeladen und auch lautstark über die unterschiedlichsten Themen unterhalten würden. Da wir aber im Chat ohne unsere physische Anwesenheit, also ohne die uns typische Betonung, Gestik und Mimik, ein Stück weit aufgeschmissen sind, bedienen wir uns eben der (begrenzten) Mittel, die uns in diesem Medium zur Verfügung stehen. Wir nutzen also nur bestimmte Satzzeichen, die unserer Meinung nach besser geeignet sind, um unsere Freude, Aufregung, unser Erstaunen oder auch Wut auszudrücken. Der feine Humor oder die Ironie, die zwischen den Zeilen vielleicht nicht wahrgenommen werden könnte, versuchen wir durch Smileys zu übermitteln. Und leider viel zu oft werden bei aller Anstrengung, uns dem Gegenüber zu erklären, ganze Sätze durch Wimmelbilder aus Emoticons ersetzt.

Dabei lassen sich unsagbar viele vermeintliche Missverständnisse durch ein ganz einfaches Mittel vermeiden: Interpunktion. Satzzeichen sind in ihrer Funktionalität so vielseitig und doch akkurat. Sie sind es, was unsere Schriftsprache wirklich präzise macht. Deshalb lohnt es sich, auch wenn es vielleicht manchmal anstrengend ist, sie zu nutzen. Klarheit in unserer Kommunikation, und das sowohl auf Seiten des Schreibenden als auch des Lesenden, ist von unschätzbarem Wert. Und es zeugt von ebenso großer Wertschätzung, sich beim Schreiben nicht nur Gedanken über das Was, sondern auch das Wie zu machen. Punkt.