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DER KLANG VON RHABARBERMARMELADE

Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache - genau das und nicht mehr oder weniger ist dieser Post. Für linguistische Details, die Komplexität des Kommas oder unser schwieriges Verhältnis zu Emoticons nehmen wir uns sicher später noch Zeit. Aber jetzt geht es nur um die Liebe - zu 26 Buchstaben und all dem, was man aus ihnen machen kann.

Wer seine Arbeit richtig gut machen will, braucht auch richtig gutes Werkzeug. In unserem Job sind es vor allem Stift und Papier, mit denen wir erste Ideen entwickeln und festhalten. Wer uns schon kennt, weiß, dass unsere Leidenschaft für diese Art von Werkzeug vielleicht etwas stark ausgeprägt ist. Denn von blütenweißen Seiten im Ledereinband, ewig schreibenden Silberminen oder auch Tablets, die uns das Gefühl geben, auf echtem Papier zu schreiben, während sie unsere Gedanken digitalisieren, können wir gar nicht genug bekommen. Doch unser wichtigstes, bestes und liebstes Werkzeug ist etwas, das von klein auf zu jedem von uns gehört: unsere Sprache.

In jeder Silbe Bedeutung

Vor einigen Jahren schrieb der Deutsche Sprachrat einen Wettbewerb aus, bei dem das schönste deutsche Wort gekürt werden sollte. Es gab über 20.000 Einsendungen und ich habe mir lange den Kopf darüber zerbrochen, welches Wort ich wohl gewählt hätte. Wie soll man sich denn auch entscheiden, wenn man im Durchschnitt über einen Wortschatz von etwa 15.000 Wörtern verfügt und unsere Sprache sich kontinuierlich verändert? Eine nahezu unmögliche Aufgabe, weshalb wir uns die Einzelheiten der Platzierungen an dieser Stelle auch sparen. Aber zwei der gewählten Begriffe verdienen trotzdem einen genaueren Blick, weil sie wirklich etwas ganz Besonderes sind.

Beginnen wir mit einem wunderbaren Beleg dafür, wie bedeutsam, tiefsinnig und gefühlvoll unsere als so hart und holprig geltende Sprache sein kann (übrigens Platz 2): Geborgenheit. Das ist, wie nachhause zu kommen, ins Warme, ein flauschiger Teppich unter den Füßen, der Duft von frisch gebackenem Kuchen, das Knistern des Kaminfeuers und die alles wieder gut machende Umarmung unserer Lieblingsmenschen, die den ganzen Tag auf uns gewartet haben. Diese vier Silben lösen bei jedem von uns gleich eine ganze Reihe von unterschiedlichen Assoziationen und Empfindungen aus, die auf unseren eigenen (ganz persönlichen) Erfahrungen basieren. Und das Gefühl der Geborgenheit scheint tatsächlich etwas zu sein, dass nur uns Deutschen vorbehalten ist – zumindest haben nur wir ein Wort dafür. Im Englischen beispielsweise, der internationalen Supersprache, gibt es kein Pendant dafür, keinen Begriff, der unserem in seiner Bedeutung auch nur nahekommen könnte.  

In jedem Wort Musik

Aber es ist nicht nur die Vielschichtigkeit der Bedeutungen, die wir unseren Worten mit nur einzelnen Lauten und Silben verleihen können, die mich immer wieder fasziniert, sondern auch die Vielfalt ihres Klanges. Deshalb nun mein Favorit aus der Gewinnerliste – und jetzt bitte einfach mal laut aussprechen: Rhabarbermarmelade. Rha-bar-ber-mar-me-la-de. Großartig, oder? Die vielen Rs, die wir Deutschen so viel lieber im Rachen produzieren als sie auf der Zunge zu rollen, das geschmeidige, murmelnde M und zwei so kräftige, aber harmonisch klingende Vokale. Rhabarbermarmelade klingt ein bisschen so wie sie schmeckt: säuerlich, leicht bitter, irgendwie etwas merkwürdig, aber mit der Süße des Zuckers doch ungewöhnlich gut.

Worte, die klingen, wie das, was sie beschreiben: Unter anderem über diese Art der Wortbildung entstanden und entwickelten sich die Sprachen unserer Welt – mal mehr, mal weniger klangvoll. Sicherlich hat Deutsch nicht die Melodie und Leidenschaft des Italienischen, es prickällt niicht so schön in die Bauchnaböll wie Französisch und auch die rassige Dramatik des Spanischen sucht man bei uns vergebens. Die Lautmalerei des Deutschen ist dezenter; die Musik unserer Sprache ist schwerer zugänglich, dafür aber besonders kunstvoll und vielseitig in ihren Details. Je nach Situation und Kontext können wir den passenden Begriff für unsere Botschaft oft aus einem riesigen Pool von Synonymen wählen. Hier ein etwas amüsanteres Beispiel dafür: Brimborium, Gedöns, Tingeltangel, Klimbim, Chichi, Firlefanz, Plunder, Tinnef, Krimskrams, Schnickschnack und Klüngeleien – alles Wörter, in deren Klang schon mitschwingt, wofür sie stehen: unnützes und überflüssiges Zeug. Etwas, dem wir Deutschen – zumindest dem Klischee nach – nicht viel abgewinnen können, und vermutlich daher auch die Worte dafür aus Lauten zusammengesetzt haben, die für bedeutungsvollere Dinge kaum genutzt werden.

In jedem Satz Variation

Die deutsche Sprache und das deutsche Wesen scheinen einander also bestens zu entsprechen. Wir gelten als korrekt, pünktlich, akribisch und verlässlich, allerdings auch als ernst, kühl und angeblich ziemlich humorlos. Im Umgang mit unserer Sprache verstehen wir tatsächlich relativ wenig Spaß. Das architektonische Gerüst unseres Satzbaus ist höchst komplex und wer es nicht beherrscht oder noch erlernen muss, hat oft wenig zu lachen. Syntax und Grammatik – zwei Wörter, bei denen wohl jedem in Erinnerung an den Deutschunterricht ein kalter Schauer über den Rücken läuft – sind das, wodurch unsere Sprache so unglaublich präzise, aber auch unendlich verspielt sein kann. Während beispielsweise der englische Satzbau größtenteils dem Muster von Subjekt – Verb – Objekt folgt, beeindruckt das Deutsche hier mit einer enormen Flexibilität, durch die ein einziger Satz aus nur drei gradlinig aufeinander folgenden Wörtern oder aber aus zahlreichen, vollkommen unterschiedlichen Nebensätzen und etlichen Einschüben gemacht sein kann. Gerade im deutschen Verwaltungswesen entstehen hier gerne mal Schachtelsätze, die viele, viele Zeilen beim Schreiben und erst recht viel Hirnschmalz beim Verstehen in Anspruch nehmen. Im Land der Dichter und Denker schießen sie eben gern einmal über das Ziel hinaus.

Zugleich Schwere und Leichtigkeit

Allein die Tatsache, dass dieses Label unserem Land immer noch anhaftet – obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass Dichter und Denker mittlerweile (nicht nur in Deutschland) eine eher seltene Spezies geworden sind –, ist doch nur ein weiterer Beweis dafür, wie großartig unsere Sprache ist. Sie wird zugleich zwei Sphären gerecht, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein könnten: dem Dichten und dem Denken, der Poesie und der Wissenschaft. Durch diese Widersprüchlichkeit besitzt das Deutsche ein seltsam „bleischwer-luftiges“ Image, wie es mal jemand beschrieb. Selbst wenn wir die schönsten Dinge sagen, haben unsere Worte noch Ecken und Kanten, die ihnen aber einen unnachahmlichen Charakter verleihen. Die Komplexität und Bedeutungsvielfalt, die wir jede einzelne Silbe tragen lassen können, ist Grund dafür, dass Namen wie Goethe, Schiller, Lessing, Fontane oder Kleist, aber auch Kant, Adorno, Horkheimer und Nietzsche weit über die Grenzen unseres Landes hinaus berühmt geworden sind. Und gleichzeitig ist das Deutsche so konkret und so präzise, dass wir Sätze schaffen können, an deren Botschaft letztlich kein einziger Zweifel bestehen bleibt. Wem könnte diese Eigenschaft besser dienen als der Wissenschaft?

Ob geschrieben oder gesprochen – die deutsche Sprache ist ein echtes Präzisionswerkzeug. Wer sich bewusst mit ihr, ihren Möglichkeiten, ihren Regeln, aber auch ihren Grenzen auseinandersetzt, wird ein unglaublich starkes und mächtiges Instrument für sich entdecken. Wer sich die Zeit nimmt, in Ruhe seine Gedanken zu ordnen, seine Worte und Sätze mit Bedacht zu wählen, wird einen großen Unterschied in seiner eigenen Kommunikation bemerken, aber auch in dem, wie er von anderen wahrgenommen wird, wie er verstanden wird. Denn unsere Sprache ist Ausdruck dessen, was und wer wir sind. Und dieser Ausdruck soll doch schließlich Eindruck machen, oder etwa nicht?